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Was gegen den Lockdown-Frust hilft




Die strengen Corona-Maßnahmen können für Frustration sorgen - gegen die sich aber Strategien entwickeln lassen. Foto: Christin Klose/dpa-tmn - (c)dpa-infocom GmbH

Berlin (dpa/tmn) - Angesichts hoher Corona-Infektionszahlen soll das öffentliche Leben in Deutschland weiter eingeschränkt werden, unter anderem durch einen reduzierten Bewegungsradius in Pandemie-Hotspots.


Die sich immer wieder ändernden Regeln treffen aber längst nicht überall auf Verständnis. Ralph Schliewenz ist Diplom-Psychologe und stellvertretender Vorsitzender im Berufsverband Deutscher Psychologinnen und Psychologen. Er erklärt im Interview, warum bei manchen Menschen Frust entsteht - und wie man damit umgehen kann.


Frage: Die Maßnahmen gegen Corona werden weiter verschärft, bei vielen sorgt das für Frust und Unverständnis. Warum?


Ralph Schliewenz: Zu Beginn der Pandemie im Frühjahr 2020 war die Situation anders: Es war für uns alle neu, und die Bereitschaft, sich unter diesen Umständen einzuschränken, hielt die Infektionszahlen noch vergleichsweise niedrig. Dieser Anfangseffekt ist nun verpufft. Die Menschen denken sich: «Seit Wochen werden die Maßnahmen verschärft, und dennoch steigen die Zahlen».


Das frustriert und lässt die Hoffnung auf Besserung schwinden. Das Verbot von scheinbar allem, was Spaß macht, gekoppelt mit dem Gefühl, allein keinen Einfluss nehmen zu können, stellt die neuen Vorgaben infrage. Die Haltung «Mir passiert schon nichts!» wirkt hier nicht nur sorglos und egoistisch. Die Reaktanz, also der innere Widerstand gegen Einschränkungen der Handlungsfreiheit durch Verbote, fördert zudem das sozial unverträgliche Verhalten.


Frage: Wieso fällt es vielen Menschen so schwer, den Kontakt einzuschränken?


Schliewenz: Ich nenne es mal so: Glück kommt selten allein! Wir Menschen sind soziale Wesen. Was wir brauchen, um uns wohl zu fühlen, sind Bindungen und Beziehungen. Alles, was den sozialen Kontakt einschränkt, ist erstmal schädlich für die Psyche. Außerdem befinden wir uns in einer Ausnahmesituation, wie es sie so noch nicht für uns gab. Und wir können uns darüber nicht so austauschen, wie wir es sonst täten.


Wichtig sind hier Alternativen, die uns miteinander verbunden sein lassen. Deswegen heißt es auch korrekterweise «Physical Distancing» und nicht «Social Distancing». Denn sozial sollen wir ruhig weiter verbunden bleiben, ob durch Telefonate oder gemeinsame Online-Aktivitäten. Und auch wenn man die meiste Zeit im Homeoffice verbringt und nur einmal in der Woche ins Büro geht: Gerade jetzt sind die sogenannten Tür-und-Angel-Gespräche umso wichtiger.


Frage: Wie kann hier eine psychologisch effektive Haltung aussehen?


Schliewenz: Hier kann es helfen, die Krise als Chance zu sehen und mit gutem Beispiel voranzugehen. Wichtig ist, sich als wirksam zu erleben. Nichts ist motivierender als Erfolg! Das ist wie beim Sport am frühen Morgen. Am Anfang muss man sich erstmal überwinden, aber danach denkt man immer: Gut, dass ich das gemacht habe. Dabei kann ich mir helfen lassen oder mir Feedback einholen. Dass kann sogar die eigene Oma tun, die mir signalisiert: Das ist schon okay, wenn Du erstmal weiter wegbleibst.


Wir müssen zudem lernen, uns selbst zu belohnen. Ein Gedanke hierbei könnte sein: Ich bin dankbar, dass ich und meine Liebsten heute wieder gesund aufgewacht sind. Oder: Ich habe es geschafft, zwar liebgewonnene, aber ungesunde Gewohnheiten zugunsten einer nachhaltigeren Lebensweise zu verändern.


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Autor: Christin Klose - 07.01.2021