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Stress immer häufiger Anlass für Zahnarzt-Besuch




Nicht immer ist die Ursache von Zahnschmerzen im Mundraum zu finden. Manchmal stecken auch stressbedingte Belastungen dahinter. Foto: Julian Stratenschulte - (c)dpa-infocom GmbH

Mainz (dpa) - Immer mehr Patienten leiden nach Expertenansicht stressbedingt unter Zahnbeschwerden. «Sowohl die Zahl der Beschwerden als auch deren Intensität haben sich in den letzten 30 Jahren vergrößert», sagte der Zahnarzt Mike Jacob aus Dillingen (Saarland).


Jacob ist Gutachter der Kassenzahnärztlichen Vereinigung und Vorstand des Master Network Integrated Dentistry (Master-Netzwerk Integrierte Zahnmedizin). Dies habe er bei seiner gutachterlichen Arbeit und im Gespräch mit Kollegen festgestellt.


Jacob spricht über dieses Thema am Samstag (14. April) in Mainz beim Kongress «Zahnheilkunde» der Landesärztekammer Rheinland-Pfalz. Die Zahnärzte widmen sich auch den Auswirkungen des demografischen Wandels auf den Berufsalltag, der Zahnvorsorge im Alter und dem Umgang mit chronisch kranken Patienten. Nach Angaben des Veranstalters ist es der größte wissenschaftliche Kongress dieser Art in Rheinland-Pfalz. Er findet alle zwei Jahre statt.


Jacob sieht seinen Berufsstand immer häufiger mit Patienten mit psychosozialer Belastung konfrontiert. Die Gesellschaft sei stressbelasteter als noch vor 30 Jahren, sagte der Mediziner. «Lebensweltliche Belastungen» des Patienten könnten sich schnell auf die neurologischen Strukturen der Gesichtsbahn übertragen. Das führe dazu, dass Zahnärzte oft Schmerzen behandelten, deren Ursache gar nicht im Kiefer zu finden sei. Die Ursache für die Schmerzen im Mund seien oft auf einer anderen Ebene angesiedelt. Das eigentliche Problem des Patienten werde so nicht angegangen.


Technische Behandlungsfehler ließen sich in der Regel schnell feststellen, sagte Jacob. Deutlich schwieriger wird es nach seinen Angaben in Fällen, in denen die Schmerzen psychosozial bedingt sind. «Mein größter Misserfolgs-Fall war ein Patient, der mit ein und demselben Problem insgesamt - mit Nachbehandlungen - über 150 Mal zur Behandlung kam, und kein Mensch konnte ihm helfen», sagte er. Erst später habe sich herausgestellt, dass der Patient unter einer Depression gelitten habe.


Für ihn sei dies der Auslöser gewesen, sich mit dieser Materie wissenschaftlich zu befassen, sagte Jacob. «Die Zahnmedizin krankt daran, dass der Patient oft nur mit dem Mund als Werkstück wahrgenommen wird.» Der Arzt versuche, sich auf die technischen Aspekte der Behandlung zu beschränken. «Es fehlt an der Behandlung zwischenmenschlicher Aspekte in der Ausbildung.» Es müsse interdisziplinärer gearbeitet werden. Die ganze Problematik führe - unabhängig von den gestiegenen Fallzahlen - auch zu einer großen Belastung für den Arzt selbst.



Autor: Julian Stratenschulte